Praktikant Päuseli

Seine erste bezahlte Arbeitsstelle verdankte der Praktikant und angehende Pianist Päuseli einem Fehlschluss. Die Geschäftsleitung des örtlichen Sinfonieorchesters war davon ausgegangen, dass sein pianistisches Geschick ihn zu einem hochkarätigen Maschinenschreiber mache und somit zu einer überaus wertvollen Ergänzung seines Konzertplanungsteams. Dieses bestand aus einer Sekretärin, einer Medienfrau, einer Organisationsfachfrau, einer Assistenzkuratorin und einer Assistentin der Geschäftsleitung, ressourcenschonend in einer Person zusammengefasst.

Praktikant Päuseli trat sein erstes entgeltliches Engagement mit grossem Elan an und brachte seinen Bürostuhl noch vor der ersten Kaffeepause um halb elf in die ergonomisch empfohlene und von ihm durchaus erwünschte Position. Kurz vor dem Mittagessen um 12:15 Uhr hatte er seinen persönlichen PC eingeschaltet und sich mit den Symbolen, die sich von einer friedlichen Hügellandschaft unter einem strahlend blauen Himme abhoben, vertraut gemacht. Um 16:32 – exakt 8,24 Stunden nach seinem morgendlichen Eintreffen – zog er die Bürotür ermüdet aber zufrieden hinter sich zu.

Stolz erfüllte Praktikant Päuseli über diese prestigeträchtige Stelle. Selbstverständlich würde er seine Karriere als Pianist weiterverfolgen. Dennoch, vertraute er seiner Kollegin noch in der ersten Woche an, sei es an der Zeit, dass er, im zarten Alter von sechsundzwanzig Jahren, lerne, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Natürlich nicht ganz, gab er mit einem verschmitzen Lächeln zu, die Eltern würden seinen Praktikumslohn von 300 Franken nach eigenem Gutdünken ergänzen, so dass er auch weiterhin die für seine musikalische Entwicklung unabdingbare Dreizimmerwohnung bewohnen und seine seiner weltlichen Weiterbildung zuträglichen Reisen durchführen könne. Seine Dankbarkeit aber kenne keine Grenzen und er würde ihr jeweils an seinen Konzerten in mezzoforte Ausdruck verleihen.

bullshit of the day

„Der Ansatz der XX* ist sehr praktisch. Mit ihrer einzigartigen Technologie der unmittelbaren Transformation haben sie schon Tausenden geholfen, zu entdecken, wie sie ein erfüllteres Leben haben können, ohne an sich selbst oder ihren Problemen zu arbeiten.“

 

* Googeln könnt ihr ja.

ein tipp für schreiberlinge aller art und beider sorten

frau rhabarber hat heute morgen dieses textuelle artefakt erblickt:

Bild 082

und sie hat sich gewundert. warum erst den generischen maskulin und dann – aber nur in klammern, weil wirklich wichtig ist das ja nicht – noch anfügen, dass es eigentlich (mindestens!)  zwei sorten gibt? warum nicht gleich beide nennen? „Autorinnen und Autoren“ vereinnahmt noch dazu zehn zeichen weniger als diese kopfgeburt da oben. und wer schon mal ein textlein mit begrenzter länge geschrieben hat weiss: das ist nicht wenig, da kann man sich woanders glatt noch ein adjektiv leisten!

machen wir mal ein bisschen weihnachtsstimmung:

lebkuchenhäuschen

Und weils irgendwie passt:

Einsiedlers Heiliger Abend

Ich hab‘ in den Weihnachtstagen –
ich weiß auch, warum –
mir selbst einen Christbaum geschlagen,
der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele
und steckte ihn da hinein
und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
zu sparen, ihn abends noch spät
mit Löffeln, Gabeln und Trichter
und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
mir Erbsensuppe mit Speck
und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken vesunken.
Da hat’s an der Türe gepocht,

und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachstlieder?
ich aber rief nicht: „Herein“!

Ich zog mich aus und ging leise
zu Bett, ohne Angst, ohne Spott.
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

(Joachim Ringelnatz )

 

grabungserfahrung oder: vintage flunderneien

soeben hat frau rhabarber die erfreuliche erfahrung gemacht, dass verschüttete erinnerungen (stop, sie gibt alles zu!) verdrängte erlebnisse für die nachwelt nicht verloren sind, sondern in gesprächen, die scheinbar keinen bezug whatsoever zum original haben, wieder auftauchen.

also:
fräulein flunder, abgewetzt und aufgewärmt zum ersten.

es begab sich einst, vor vielen jahren, dass das fräulein flunder, jung und blass, über die stränge und dann der länge nach hinschlug und – oh flunder! – einen jungen hering unter sich begrub. so jung war der nicht mehr, wie sich herausstellen sollte. sie schlugen also hin, der länge nach, und taten das gelegentlich wieder. fräulein flunder war hin und weg (im nachhinein, da ist man ja klüger und weiss, weder hin noch weg war damals angebracht) und dann war der junge hering weg und, naja, tat, was heringe halt so tun. plantschen im wasser und so.
fräulein flunder buddelte sich in den sand und begann, irgendwann, andere aquarien zu frequentieren. monate später, es könnten auch jahre gewesen sein, erhielt sie einen anruf vom jungen hering. sie sei doch, anders als er, der sprache so mächtig, und könnte sie nicht, um sein unvermögen zu kaschieren, sich seines textes annehmen, der, wenn nicht über leben und tod, so doch über seine zukunft entscheiden würde. natürlich sagte er eher etwas wie: halloo? ich bins, wie geehts? ja, ich auch, duu, ich hab da diese arbeit, und ich hab gedacht, du bist doch so guut, und so toll, und, ach, ich – würdest du?
fräulein flunder, geschmeichelt wie sie war, dass der ältere hering einen gedanken an sie verschwendet hatte, sagte  (blöd) ja klar, kann ich machen! und dann (etwas vernüfntiger) wie lang ist es denn? bis wann brauchst dus? wann schickst dus?
der hering, der inzwischen etwas faulig roch, sagte, gottseidank geruchsfrei, durchs telefon: – tja, das weiss man nicht genau. es war etwas ungenaues. aber fräulein flunder, zu diesem zeitpunkt bereits etwas älter und schlauer, bemerkte rasch: es ging nicht ums lesen, nicht ums korrigieren, nicht einmal formatieren sollte sie, nein. schreiben. der faule hering hatte noch keine einzige zeile geschrieben und dachte, die paar mal lang hinschlagen mit dem fräulein flunder vor vielen jahren würden reichen, dass sie ihm seine abschlussarbeit schreiben würde.
nein, sagte da fräulein flunder (im vollbesitz der geistigen kräfte), das mach ich nicht.